S.O.S. Ukraine – unsere Hilfe vor Ort

Die Situation im Land ist weiterhin sehr schlimm: Verwüstete Wohngebiete, zehn Millionen Menschen vor allem Frauen und Kinder auf der Flucht. Jeden Tag erreichen uns verstörende Bilder. Seit über dreissig Jahren besteht eine Longo maï-Kooperative mit zwei Höfen in Transkarpatien, im Westen der Ukraine. Die Region grenzt an die Slowakei, Ungarn und Rumänien und ist bis heute noch vom Krieg verschont. 

 

Empfang auf unseren beiden Höfen

Seit dem ersten Tag des Krieges haben wir auf unseren beiden Höfen in Nischnje Selischtsche Freundinnen und Freunde aufgenommen, die aus Kiew, Charkiw und anderen Regionen im Osten fliehen mussten. Aus Westeuropa, aus den anderen Longo maï-Höfen reiste eine kleine erfahrene Equipe zur Verstärkung an.  Das Leben auf der Kooperative hat sich auf den Kopf gestellt. Geflüchtete aus der Stadt helfen im Garten, beim Füttern der Tiere, auf den Feldern und in der neuen Baumschule des Obstgartens. Andere entladen Lastwagen mit Hilfsgütern, wieder andere sind am Telefon damit beschäftigt, dringenden Bedarf und ankommende Hilfe zu koordinieren und die nächste Reise ins Landesinnere zu planen.  Es brauchte einige Tage, bis wir ein Grobkonzept entwickeln konnten, welches die dringendsten Bedürfnisse, unsere Kräfte, die lokale Verankerung, das landesweite Kontaktnetz und unseren Freundeskreis im Westen miteinander verbindet.

 

 Solidarität im Dorf

« Unser » Dorf Nischnje Selischtsche beherbergt inzwischen an die Tausend interne Flüchtlinge. Als erstes verwandelten wir unser Slow-Food-Restaurant in eine gemeinnützige Kantine. Hier werden nun zwei Mal am Tag mehrere hundert Personen mit einer warmen Mahlzeit versorgt. Die Leute aus dem Dorf bringen Hühner, Eier, alles, was sie noch erübrigen können. Der grosse Vorrat aus unserer Käserei ist aufgebraucht. Trotzdem wollen wir weiterhin bei den Kleinbauern im Dorf die Milch abholen und bezahlen, damit sie ihre Kühe nicht schlachten müssen. Viele aus dem Dorf teilen sich gemeinsam mit den Flüchtlingen die Arbeit in der Kantine: Kochen, Abwaschen und Putzen… In unserer Jugendherberge wohnen nun Kinder eines Waisenhauses. In der Schule und im Kindergarten wurden Schlafräume eingerichtet. Das Zusammenleben von Städtern der Mittelklasse aus dem Osten und der eher armen Landbevölkerung im Westen gestaltet sich erstaunlich spannungsfrei. Dazu leisten die gemeinsamen Arbeitseinsätze im Dorf einen wichtigen Beitrag. 

Unterstützung aus Rumänien

Die Leute der neuen Longo maï-Kooperative in Rumänien leben nur sechs Fahrstunden von Transkarpatien entfernt. Sofort begannen sie zu sammeln: Matratzen, Schlafsäcke, Decken, Medikamente und Nahrungsmittel, an denen es in der Ukraine bereits mangelt. Die Solidarität in Rumänien ist sehr gross. Was nicht gratis geliefert werden konnte, wurde mit unserer finanziellen Hilfe zugekauft. Regelmässig treffen bei uns in Transkarpatien Transporte aus Rumänien ein. In Chust, unserer Bezirkshauptstadt, konnten wir ein Lager einrichten. Eine Schuhfabrik stellte uns zu diesem Zweck ihren inzwischen leeren Lagerraum zur Verfügung.

 

Unterstützung durch die Zivilgesellschaft

Im Oblast Transkarpatien leben normalerweise 1,2 Millionen Menschen. Wir gehen davon aus, dass sich diese Zahl inzwischen verdoppelt hat. Der Bedarf an humanitärer Hilfe auf allen Ebenen ist immens. Die lokale Verwaltung leistet, was sie kann. Trotzdem sind Privatinitiativen dringend notwendig. Die Frauen des Komitees für medizinische Hilfe (CAMZ) arbeiten seit Jahren für die Verbesserung der medizinischen und sozialen Versorgung in der Region. Longo maï unterstützt diese initiative Gruppe. Die Organisation unterhält in der Hauptstadt Uschgorod ein logistisches Zentrum für die Entgegennahme, das Sortieren und Weiterleiten von Hilfsgütern. Sie verfügt in der Slowakei über einen weiteren Stützpunkt. Sie ist so in der Lage, täglich die Ladung von drei Sattelschleppern zu verarbeiten und weiterzuleiten. Eine andere Gruppe « SOS Wostock » entwickelt seit dem Beginn des Konfliktes im Donbass Initiativen für Verständigung und Bürgerrechte auf beiden Seiten. Wir sind seit vielen Jahren mit Aktivisten aus dieser Gruppe befreundet. Seit dem Krieg hat sie nun ihren Hauptsitz nach Uschgorod verlegt. Sie verfügt ebenfalls über ein Lager von Hilfsgütern für Flüchtende aus dem Osten und für Menschen im Kriegsgebiet, welche die Gruppe über ihr Kontaktnetz verteilt.

 

Evakuation der Schwächsten

Durch die Umweltkampagnen in der Ukraine, an denen sich Longo maï beteiligte, wie die Aktion „Rettet Swydowets“ entstand ein grosser Freundeskreis von Aktivisten im ganzen Land. Seit dem Beginn der Bombardierungen bemühten sich diese darum, Menschen aus den Konfliktzonen herauszubringen. Priorität haben kranke oder beeinträchtigte Menschen, die nicht selber fliehen können und nicht in der Lage sind, bei einem Alarm in einen Keller zu gehen.  Die anderen Longo maï-Höfe und der Freundeskreis konnten der Kooperative in der Ukraine inzwischen sieben Kleintransporter und drei Ambulanzen überbringen. Die Krankenwagen wurden an Rettungsorganisationen weitergegeben. Die kleine Flotte von Minibussen transportiert nun regelmässig in eine Richtung Hilfsgüter und auf dem Rückweg Menschen, die Schutz brauchen. Die Unterstützung durch unser Kontaktnetz ist für die Arbeit in diesem riesigen Land enorm wichtig. So erfahren wir, wohin man prioritär Hilfe bringen muss, wo man Menschen evakuieren sollte und welche Route man nehmen kann. Die Umwege zur Sicherheit sind oft riesig und Hin- und Rückfahrt können gut vier bis fünf Tage dauern.

 

Die Geretteten

Die Menschen bleiben erst eine Weile im Dorf, um sich zu erholen und wieder zu Kräften zu kommen. Nach einigen Tagen nehmen die meisten von ihnen den Weg nach Westen. Die Solidarität in Europa und auch in der Schweiz ist sehr gross. Hunderte haben auf unseren Freiplatzaufruf reagiert. Dafür sind wir sehr dankbar. Die ersten Geflüchteten konnten bereits untergebracht werden, weitere werden folgen. Unser Haus in Basel teilen wir mit einer kleinen Familie. Wie lange wohl ? Wir wissen es nicht, solange es nötig ist.  Was wir im Moment an Solidarität erleben, zeigt, dass wir noch viele Ressourcen zum Helfen haben.  

 

In unserem Hof in der Ukraine fand kürzlich eine Heirat zwischen zwei Geflüchteten statt. Dies gibt uns Hoffnung. Das Leben geht weiter. Wir wollen das wenige, was wir können, unternehmen, um Menschen vor der Gewalt des Krieges zu schützen. Gleichzeitig wollen wir aber auch an die nächsten Schritte denken. Beginnen wir mit unseren Nachbarn im Dorf in der Ukraine. Wir konnten für « unser » Dorf genügend Saatkartoffeln beschaffen, denn dessen Bevölkerung ist mittlerweile stark gewachsen. Ebenso organiserten wir robustes Maissaatgut, welches von den Haushalten, wo noch viel Kleintierzucht betrieben wird, auf grosses Interesse stösst. Bald ist Zeit für die Aussaat und gegen den Wechsel der Jahreszeiten kann auch die stärkste Armee der Welt nichts tun. Wir hoffen, dass wir sie in Frieden ernten und teilen können. (siehe auch Video-Interview mit Oreste del Sol weiter unten).                                                                    

 

P.S. Wir erleben eine ausserordentliche Situation. Für die Direkthilfe in der Ukraine haben wir den Spezialfonds « Ukraine – Dringende Hilfe vor Ort » geschaffen.  Wir danken Ihnen für jede Unterstützung. Wenn Sie Stiftungen oder Institutionen kennen, die wir kontaktieren könnten, teilen Sie uns dies bitte mit. Wir schicken gerne unser ausführliches Dossier "Direkthilfe in der Ukraine".

 

Interview mit Oreste de Sol von Longo maï, Zeleny Hay, Transkarpatien, über die aktuelle Bedeutung von Saatgutlieferungen zur Aufrechterhaltung der lokalen Produktion und Unterstützung der Kleinbauern:

Varosh Mag, (Originalsprache ukrainisch, Untertitel englisch):

https://www.youtube.com/watch?v=-2YYudNc5FI

 

Artikel von Euractiv vom 22. April 2022: Kleinbauern: Die unbekannten Helden des Ukraine-Kriegs

https://www.euractiv.com/section/agriculture-food/news/small-farmers-the-unsung-heroes-of-the-ukraine-war/

 Deutsche Version siehe am Ende des Artikels

 

Publikationen von medico international :

Aktuelle Erlebnisberichte zur Situation im Dorf Nischnje Selischtsche und den Aktivitäten der Kooperative Zeleny Hay in Transkarpatien:

https://www.medico.de/blog/trotzige-normalitaet-18618

https://www.medico.de/blog/ein-sicherer-hafen-18619

 

Der Krieg in der Ukraine als Katalysator der bereits bestehenden Umweltprobleme:

https://www.medico.de/blog/krieg-als-katalysator-18620


Musiker Kräftner, Nischnje Selischtsche, Transkarpatien, über die aktuelle Situation in der Ukraine

 

Interview Radio OE1 - ORF im Kulturjournal mit Jürgen Kräftner:

In Mödling aufgewachsen, studierte er am Konservatorium in Wien. Seit 25 Jahren lebt er in einem kleinen Ort im Westen der Ukraine, wo er einen selbstverwalteten landwirtschaftlichen Betrieb im Rahmen der Kooperative Longo Mai mitaufgebaut hat. Außerdem ist der Klarinettist der Kopf der neunköpfigen Hudaki Village Band, die in ihrer Musik alte slawische Gesangstechniken, Klezmer-Rhythmen und rumänisches Temperament vereint und Auftritte in ganz Europa absolviert, unter anderem beim Sziget Festival und Budapest und beim KlezMore in Wien. Derzeit ist Jürgen Kräftner aber vor allem mit der Betreuung von Flüchtlingen aus den ukrainischen Kriegsgebieten beschäftigt.

Interview im Radio OE1_ORF


«Rettet das Swydowets-Massiv vor der Zerstörung»

Protestbrief Swydowets

Jetzt den Brief downloaden und versenden. 

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Brief an Zelenski D.docx
Microsoft Word Dokument 17.6 KB

Landwirtschaftsnotstand

Wie ein dichter Nebel überdeckte die Coronakrise in der öffentlichen Debatte viele unserer Forderungen und Engagements. Grundlegende Fragen unserer Gesellschaft wurden auf Eis gelegt, so auch die Problematik der Herstellung unserer Lebensmittel.

Heute wird diese von der Agrarindustrie dominiert und von einer Landwirtschaftspolitik gefördert, die Grossbetriebe und somit Monokulturen sowie Massentierhaltung in immer grösseren Einheiten begünstigt. Während vor nicht allzu ferner Vergangenheit die Landwirtschaft natürliche Ressourcen noch erschloss, Ökokreisläufe schuf und zur Artenvielfalt beitrug, zerstört das heute praktizierte agroindustrielle Modell lebenswichtige Ressourcen, verschmutzt Böden, Luft sowie Wasser und verbraucht dabei fast fünfmal mehr Kalorien als es produziert.  weiterlesen ...



Agrokonzerne

Gutachten gegen Monsanto

Mit grosser Spannung hatten wir die Verkündung der Rechtsgutachten der fünf Richterinnen und Richter des Internationalen Monsanto- Tribunals erwartet. Das von der Zivilgesellschaft ins Leben gerufene Meinungstribunal fand am 15. und 16. Oktober 2016 in
Den Haag statt, um gewisse Praktiken des Unternehmens juristisch zu untersuchen. 28 Personen hatten über die weltweit fatalen Auswirkungen der Produkte von Monsanto vor diesem Meinungstribunal ausgesagt.


Am 18. April 2017 war es endlich soweit. An der Pressekonferenz in Den Haag kamen die Richterinnen und Richter einstimmig zum Schluss, dass die Praktiken von Monsanto gegen die grundlegenden Menschenrechte wie das Recht auf Nahrung, Gesundheit und eine gesunde Umwelt verstossen. Zudem beeinträchtigt Monsantos Verhalten die Freiheit der Wissenschaftler_innen, unerlässlich für eine unabhängige wissenschaftliche Forschung.


Diese umfangreichen und fundierten juristischen Gutachten werden die Opfer von Monsanto und von anderen multinationalen Konzernen, welche Menschenrechte verletzen und die Umwelt zerstören, weltweit in ihren Forderungen nach Gerechtigkeit unterstützen.


Die Richterinnen und Richter hielten weiter fest, dass eine grosse Lücke zwischen den Verpflichtungserklärungen
der Unternehmen bezüglich Umweltschutz und deren Umsetzung besteht. Die Umwelt muss im internationalen
Recht besser geschützt werden, die Straftat des Ökozides muss darin Eingang finden. Wäre Ökozid
als Straftat international anerkannt, würden wahrscheinlich viele Aktivitäten Monsantos diesen Tatbestand
erfüllen – so die Schlussfolgerungen der Richterinnen und Richter.


In ihren Rechtsgutachten bezogen sich die Richterinnen und Richter auch auf die immer grösser werdende Kluft zwischen den Menschenrechten und der Verantwortung transnationaler Unternehmen. Sie empfahlen den Vereinten Nationen dringend, Massnahmen zu ergreifen, damit die Rechte der Menschen und der Umwelt nicht durch Freihandelsverträge ausser Kraft gesetzt werden. Menschenrechte müssen prioritär vor Geschäftsinteressen stehen. Behörden müssen vermehrt Mensch und Umwelt vor den Machenschaften transnationaler Unternehmen schützen. Klagen gegen Unternehmen sollen vor dem Internationalen Strafgerichtshof möglich gemacht werden.

Die klaren Worte der Richterinnen und Richter können Sie auf www.monsanto-tribunal.org nachlesen.